Schlussbemerkung

Alles nur Verschwörungstheorien?

Nachdem nun einige Details dargelegt worden sind, sollte die Eingangs formulierte These noch einmal überprüft werden. Ist es also tatsächlich denkbar, dass einige der Terroranschläge mit Wissen der Geheimdienste geplant und ausgeführt worden sind? Oder lassen sich die vielen merkwürdigen Fakten vielleicht auch einfacher erklären, ohne dass man staatlichen Behörden ein derartiges Großverbrechen unterstellen muss?

Bei den Anschlägen vom 11. September hat sich in der Berichterstattung der Leitmedien beispielsweise die „Inkompetenztheorie“ durchgesetzt. Die Geheimdienste hätten schlichtweg versagt. Informationen seien zwischen den Behörden nicht rechtzeitig und ausreichend ausgetauscht worden.

Die Kompetenz eines Geheimdienstes oder einer Regierung richtet sich natürlich nach ihren Zielen. Inkompetent ist nur, wer diese nicht erreicht. Was also sind die Ziele?

Es gilt als erwiesen, dass der Krieg in Afghanistan eine Antwort auf die Anschläge vom 11. September gewesen ist. Dabei wird übersehen, dass die Pläne für eine amerikanische Militärintervention in Afghanistan weiter zurück reichen.

Schon im Juni 2001, drei Monate vor dem 11. September, berichtete die Presse, dass Indien und der Iran die amerikanisch-russischen Pläne für „begrenzte militärische Maßnahmen“ gegen die Taliban unterstützten, falls die neuen Wirtschafts-Sanktionen nicht greifen sollten. Präsident Putin hatte sich auch schon so geäußert. Es könne zu militärischen Maßnahmen gegen die Taliban kommen, eventuell auch mit russischer Beteiligung, unter Nutzung von Stützpunkten in Usbekistan und Tadschikistan. (India Reacts)

Beim Zwist mit den Taliban ging es allerdings weniger um Terrorgefahr und Frauenrechte, von denen heute vor allem geredet wird, sondern schlicht ums Geschäft. Die Taliban hatten sich als unzuverlässige Verhandlungspartner erwiesen. Ursprünglich waren große Hoffnungen in sie gesetzt worden. Noch Ende der 90er Jahre hatte sich ein US-Diplomat in Pakistan nüchtern zitieren lassen: „Wahrscheinlich werden sich die Taliban wie die Saudis entwickeln. Es wird Aramco, Pipelines, einen Emir, kein Parlament und jede Menge Scharia geben. Damit können wir leben.“ (Aramco war das Konsortium der amerikanischen Öl-Firmen, die den Abbau des saudischen Öls kontrollierten, bis es von der saudischen Regierung verstaatlicht wurde; Scharia ist das Gesetz des Koran.) (Ahmed Rashid, „Taliban. Afghanistans Gotteskrieger und der Dschihad“, München 2001, S. 292) Doch die Taliban erwiesen sich als unkontrollierbar. Während rückständige Regime anderer Länder sich für einen finanziell einträglichen Deal den Amerikanern politisch unterordneten und das auch heute noch tun, waren die Taliban religiös gesteuerte Fundamentalisten, die auch für viel Geld nicht bereit waren, ihre Unabhängigkeit aufzugeben.

Das war letztlich der Kriegsgrund. Eine Regierung oder ein Regime eines geostrategisch bedeutsamen Landes, das sich keiner Vormacht politisch unterordnet, ist untragbar. Gleiches erfuhr 2003 auch Saddam Hussein im Irak. Dass diese Regime oft auch schreckliche Diktaturen sind, erleichtert die westliche Argumentation für den Krieg, ist aber fast nie die eigentliche Ursache des Konfliktes. Wenn dem so wäre, müssten NATO-Truppen umgehend Saudi-Arabien, Pakistan und viele weitere Diktaturen auf der Welt besetzen. Auch in diesen Ländern wird teilweise die Scharia angewandt und an Terroristen besteht dort ebenso kein Mangel. Doch im Unterschied zu Afghanistan und Irak haben sich die Regierungen dieser Staaten mit den Geschäftsinteressen des Westens arrangiert. Sie bemühen sich, der Vormacht ein verlässlicher Verhandlungspartner zu sein.

Für Afghanistan und die Taliban wurde die Luft im Sommer 2001 jedenfalls dünn. Ende Juli, sieben Wochen vor den Anschlägen vom 11. September, fand ein denkwürdiges und vielzitiertes Treffen in einem Berliner Hotel statt. Es war das dritte in einer Reihe von Hintergrundgesprächen, die sich „Brainstorming zu Afghanistan“ nannten. Dabei waren die drei Amerikaner Tom Simmons (Ex-Botschafter in Pakistan), Karl Inderfurth (Ex-Staatssekretär im Außenministerium) und Lee Coldren (Ex-Außenministeriums-Experte für Südasien). Ihre Gesprächspartner waren russische und pakistanische Geheimdienstleute sowie der Ex-Außenminister Pakistans, Niaz Naik. Die Teilnehmer hatten langjährige diplomatische Erfahrung in der Region. Sie arbeiteten nicht mehr im Staatsdienst, standen aber mit ihren Regierungen in engem Kontakt. Vertreter der Taliban, die bisher teilgenommen hatten, boykottierten dieses Treffen. Der pakistanische Geheimdienst übermittelte ihnen jedoch später die Ergebnisse. (Salon)

Während des Treffens erwähnte Lee Coldren, die Amerikaner seien derart frustriert über die Taliban, dass sie militärische Maßnahmen in Erwägung zögen. Ex-Außenminister Niaz Naik erinnerte sich später, bei dem Treffen von den Amerikanern gehört zu haben, dass eine Aktion zum Sturz der Taliban geplant sei, „bevor es in Afghanistan zu schneien beginnt, spätestens Mitte Oktober“. Ziel sei es, sowohl Bin Laden als auch Mullah Omar zu töten oder gefangenzunehmen, das Taliban-Regime zu stürzen und eine moderate Übergangsregierung zu installieren. Naik wurde mitgeteilt, dass Washington die Aktionen von Stützpunkten in Tadschikistan aus starten würde. Amerikanische Berater seien bereits dort. Auch Usbekistan würde teilnehmen, und 17.000 russische Soldaten stünden in Bereitschaft. (BBC; Guardian)

Naik sagte später: „Hätten die Taliban die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit akzeptiert, hätten sie sofort internationale Wirtschaftshilfe erhalten. Und die Pipelines aus Kasachstan und Usbekistan über Afghanistan wären gebaut worden.“

Kurze Zeit später erreichten die Kriegsvorbereitungen ihr Endstadium. Am 9. September, zwei Tage vor den Anschlägen, wurde Präsident Bush eine Nationale Sicherheits-Direktive zur Unterschrift vorgelegt. Ihr Inhalt war ein Plan, „Al-Qaida zu beseitigen“, der alle Aspekte von diplomatischen Initiativen bis zu Militäroperationen in Afghanistan enthielt. (NBC; Los Angeles Times)

Dann erschütterten die Terroranschläge in New York und Washington die Welt. Schlagartig war ein Kriegsgrund da. Die Bombardierung und Besetzung Afghanistans erfolgte sodann ohne größere internationale Widerstände. Ohne den 11. September als Anlass wäre das undenkbar gewesen.

Nun die These: Haben amerikanische Geheimdienste die Anschläge deshalb wissentlich geschehen lassen? Fest steht, dass sie eine Menge wussten. War es nun Inkompetenz, die sie diese Informationen nicht rechtzeitig austauschen ließ? Oder war es eben gerade doch Kompetenz, die sie den Informationsaustausch im nachhinein verschleiern und die Attentäter zuschlagen ließ, um weitaus wichtigere geostrategische Ziele zu erreichen? Diese Frage sollte nicht nur Historiker beschäftigen.

Die Anschläge in Madrid 2004 fanden drei Tagen vor den Parlamentswahlen statt. „Agenda-Setting“ würden Wahlkampfstrategen das nennen. Die Bomben in London 2005 wiederum detonierten direkt während des britischen G8-Gipfels. Der Fokus der Veranstaltung verlagerte sich augenblicklich von der Armutsbekämpfung zur Terrorbedrohung. Nochmal „Agenda-Setting“? Der Gedanke ist verunsichernd und bedrückend, doch für Politstrategen ist das Volk oft nicht mehr als ein indifferenter Haufen, der schockiert werden muss, um ihn lenken zu können.

Dass manch einer den Vertretern unserer westlichen Demokratien diesen Grad an Zynismus und Menschenverachtung nicht zutrauen mag, ist verständlich. Ein tiefsitzender Glauben an die grundlegende Rechtschaffenheit staatlicher Institutionen lässt vielen derartiges unmöglich erscheinen.

Doch die Geschichte zeigt, dass noch ganz andere Dinge möglich gewesen sind, wenn nur genug auf dem Spiel stand. Nicht nur in Italien 1980.

Trotzdem besteht natürlich die Möglichkeit, dass die These der eingeweihten Geheimdienste bei den geschilderten Anschlägen ab 2001 nicht zutrifft. Ausschließen kann man das nach derzeitigem Kenntnisstand nicht. Vielleicht sind unsere Geheimdienste tatsächlich weitgehend inkompetent. Ob man das hoffen oder sich davor fürchten soll, bleibt dahingestellt.